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Computergenerierte kinderpornographische Schriften zur Umgehung der Keuschheitsprobe?

Computergenerierte kinderpornographische Schriften zur Umgehung der Keuschheitsprobe?

Straf- und Ermittlungsverfahren im Bereich kinderpornographischer Inhalte sind stets ein über den reinen Unwertgehalt der Tat hinausgehendes hochsensibles Thema, das eine rechtliche Auseinandersetzung oft zusätzlich politisch aufbläht. Die Offenbarung eines Kinderporno-Rings im nordrhein-westfälischen Bergisch-Gladbach dürfte schwerlich unbemerkt an einem vorbeigegangen sein, zumal laut ersten Aussagen der Ermittlungen das vielleicht nur den Stamm, und nicht die Wurzeln darstellt.

Kurz vorab: (Kinderpornographische) Schriften werden im Gesetz nicht definiert. Bei Schriften (vgl. § 11 Abs. 3 StGB) handelt es sich um eine Zusammenstellung von Zeichen, die durch Augen oder Tastsinn wahrnehmbar sind und Gedankeninhalte verkörpern.[1] Ihnen gleichgestellt sind Ton- und Bildträger, Datenspeicher, Abbildungen und andere Darstellungen in denjenigen Vorschriften, die auf diesen Absatz verweisen. In § 184b Abs. 1 Nr. 1 StGB findet sich, dass dieser erweiterte Schriftenbegriff auch bei der Verbreitung, dem Erwerb und dem Besitz kinderpornographischer Schriften gilt, womit sämtliche Arten von Bildern, Tonträgern oder Videoaufnahmen (-zeichnungen) erfasst sind.

Ein Blick in die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik zeigt, dass Fälle der Verbreitung von „pornographischen Schriften im Internet“ immer häufiger werden. Die Zahl stieg von 7.421 Fällen im Jahr 2018 auf insgesamt 10.662 im Jahr 2019. Verbreitung, Erwerb, Besitz und Herstellung kinderpornographischer Schriften stieg von 7.449 auf 12.262 Fälle. Das rechtspolitische Bedürfnis einer Verschärfung der Strafen für solche „Kinderporno-Onlinebörsen“ ist also statistisch gesehen nachvollziehbar. [2]

Der politische Diskurs fordert zunehmend härtere Strafe, schaut man sich nur die Vorhaben von Justizministerin Lamprecht an[3] , die eine Mindeststrafe von einem Jahr Haft für Kindesmissbrauch oder Besitz von kinderpornographischem Material fordert. Durch den Besitz solchen Materials „mache man sich mitschuldig“. Der Schutz der ungestörten sexuellen Entwicklung von Kindern sei ein besonders hohes Gut betonte der Gesetzgeber auch in seinem ersten Entwurf zur Änderung des Strafgesetzbuches zur Versuchsstrafbarkeit von Cybergrooming. [4]

Kritiker wollen hierbei nicht außer Acht lassen, dass die verfügbaren Strafrahmen unseres Strafgesetzbuches nicht gering sind. Oft scheitere es daran, dass sich Ermittlungen im Sande verlaufen, nicht ausreichend Beweismaterial sichergestellt wurde, bei dem keine sinnvolle Verknüpfung zu den jeweiligen Tätern hergestellt wird und traurigerweise Behörden oftmals maßlos überfordert sind. Allein Dimensionen wie die aktuellen Enthüllungen von mutmaßlich 30.000 Verdächtigen im Missbrauchsfall Bergisch-Gladbach zeigen, dass ein erheblicher Arbeitsaufwand auf die ermittelnden Behörden zukommt.

Gesetzesänderungen

Der einschlägige § 184b Abs. 5 des Strafgesetzbuches (StGB) wurde zum März 2020[5] um S. 2 mit folgendem Inhalt ergänzt:

„Absatz 1 Nummer 1 und 4 gilt nicht für dienstliche Handlungen im Rahmen von strafrechtlichen Ermittlungsverfahren, wenn

  1. die Handlung sich auf eine kinderpornographische Schrift bezieht, die kein tatsächliches Geschehen wiedergibt und auch nicht unter Verwendung einer Bildaufnahme eines Kindes oder Jugendlichen hergestellt worden ist, und
  2. die Aufklärung des Sachverhalts auf andere Weise aussichtslos oder wesentlich erschwert wäre.“

Da es sich vorliegend nicht um Alternativen handelt („und“) wird deutlich, dass der Einsatz von computergeneriertem kinderpornographischen Material ultima ratio bleiben soll und muss. Befürworter dieses Gesetzesentwurfs versprechen sich hiervon, dass „die Effizienz der polizeilichen Ermittlungstätigkeit gesteigert“ wird. [6] Hauptproblem ist nämlich oft, dass sowohl Zugang als auch Verbleiben in solchen Foren eine sog. Keuschheitsprobe erfordert, d.h. Mitglieder müssen, um Vertrauen zu gewinnen, selbst kinderpornographische Schriften hochladen, womit sie sich strafbar machen würden. Dasselbe galt bisher für Ermittler.[7]

Im Rahmen der Diskussion um die Vorverlagerung der Versuchsstrafbarkeit bei Cybergrooming wurden auch Aspekte von Online-Tauschplattformen und deren erschwerten Zugriffsmöglichkeiten erörtert. Mithilfe dieser Ermittlungsmaßnahmen soll dazu beigetragen werden „den Markt für kinderpornographische Schriften auszutrocknen“. Der Gesetzesentwurf sprach sich bei der Abwägung zwischen rechtsstaatlichen Anforderungen einerseits und der „drängenden Aufgabe der Bekämpfung von Kinderpornographie andererseits“ zugunsten von letzterer aus. Rechtstaatlichen Anforderungen sei dahingehend genügt worden, dass wie oben bereits erwähnt der Einsatz solchen Materials stets ultima ratio bleiben soll. Darüber hinaus wurden durch die Schaffung des neuen § 110d StPO solche Ermittlungsmaßnahmen grundsätzlich unter einem Richtervorbehalt gestellt.[8]

Technische Grundlagen

Wer sich nun fragt, inwiefern bei der Herstellung computergenerierter Bilder nicht doch auch echte Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen verwendet werden, sei beruhigt: Der Gesetzesentwurf betont nochmal, dass für die unmittelbare Herstellung solcher Schriften keine Bildaufnahmen verwendet werden dürfen, „auf denen ein Kind oder ein Jugendlicher abgebildet ist“. Somit sind Fotocollagen oder verfremdete Bilder nicht zulässig.[9]

Ein künstliches neuronales Netzwerk wird mit Beispielbildern „gefüttert“ und angewiesen, den abgebildeten Inhalt nachzuahmen. In einem zweiten separaten Netzwerk wird geschaut, wie ähnlich diese generierten Bilder sind. Sieht das Bild nicht ähnlich genug aus, so muss das erste Netzwerk ein neues Bild generieren. Man „trainiert“ sprichwörtlich ein Netzwerk dazu, realistische Bilder zu erzeugen, bis das zweite Netzwerk keine Unterschiede mehr dahingehend erkennt, ob es sich um ein echtes oder um ein Fake-Foto handelt. Der „Trainingsvorgang“ selbst ist daher noch kein Herstellen, sondern nur zeitlich vorverlagert. Die eingespeisten Trainingsbilder selbst sind kein Bestandteil der dann vollständig künstlich erzeugten Aufnahmen.[10]

Fazit

Höhere Strafandrohungen allein sind kein geeignetes Mittel, um Delinquenz verhindern oder sogar bekämpfen zu können. Zielführender ist es, die Effektivität von Ermittlungsmaßnahmen zu steigern, um das Entdeckungsrisiko potenzieller Straftäter zu erhöhen. Vor diesem Hintergrund sind die Gesetzesänderungen zu begrüßen.

Trotzdem bleiben Fragen offen, inwiefern nicht dadurch letztlich nur noch mehr kinderpornographische Schriften in Umlauf gebracht werden. Hier ließe sich entgegenhalten, dass die Schriften letztlich nur ultima ratio sein sollen und von keiner Überflutung der Server gesprochen werden kann. Der Anwendungsbereich soll stark eingegrenzt werden, um nur ermittelnden Personen ein effizientes Mittel zur Bekämpfung der Verbreitung kinderpornographischer Schriften an die Hand geben zu können.

Es soll festgehalten werden, dass durch diese Gesetzesänderung mit hoher Wahrscheinlichkeit eine „Schadensverlagerung“ stattfinden kann. Damit ist gemeint, dass mit einer konsequenten Infiltrierung solcher Netzwerke diese schneller „ausgetrocknet“ werden können, bevor „frisches“ Material seinen Weg in das Netzwerk findet. Bereits so ließen sich mittelbar der Rechtsgüterschutz hinsichtlich Kindes-Opfern reduzieren und gleichzeitig Täter schneller aufspüren. Darüber hinaus würde man zusätzlich zögernden Usern per Zufall (das Material ist als solches nicht erkennbar) zu diesen Schriften greifen lassen und nicht zum echten Material. Eine Intensivierung der Rechtsgutsverletzung eines geschädigten Opfers unterbliebe insofern auch.[11]

Fußnoten

[1] Fischer StGB, 67. Auflage 2020, § 11 Rn. 34.

[2] Polizeiliche Kriminalstatistik, Jahrbuch 2019, Band 1, Fälle, Aufklärung, Schaden [aufgerufen am 07.07.2020].

[3]https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/lambrecht-will-kindesmissbrauch-schaerfer-bestrafen-16840973.html (aufgerufen am 01.07.2020).

[4] Vgl. BT-Drs. 19/13836, S. 8.

[5] https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/165/1916543.pdf (aufgerufen am 02.07.2020).

[6] Vgl. BT-Drs. 19/16543, S. 10.

[7] Vgl. BT-Drs. 19/16543, S. 8 f.; BT-Drs. 19/13836 S. 10.

[8] Vgl. BT-Drs. 19/13836, S. 15; BT-Drs. 19/16543 S. 10; BeckOK StGB/Ziegler, § 184b Rn. 20a-d.

[9] Vgl. BT-Drs. 19/16543, S. 11; BeckOK StGB/Ziegler, § 184b Rn. 20b.

[10] Vgl. BT-Drs. 19/16543, S. 11.

[11] Vgl. BT-Drs. 19/13836, S. 16.

Veröffentlicht von Kevin Klingelhöfer in Cybercrime, Darknet
Was ist das Darknet?

Was ist das Darknet?

Das Darknet ist ein Teil des Internets, dessen Dienste nicht ohne Weiteres über gewöhnliche Suchmaschinen auffindbar sind und für dessen Nutzung regelmäßig spezielle Software oder Netzwerktechnik erforderlich ist. Besonders bekannt sind sogenannte Onion-Dienste im Tor-Netzwerk. Dabei ist das Darknet keineswegs per se illegal: Es wird sowohl für legitime Zwecke – etwa zum Schutz von Kommunikation, journalistischen Quellen oder vor staatlicher Zensur – als auch für kriminelle Aktivitäten genutzt.

Das Darknet kurz erklärt:
Das Darknet bezeichnet speziell abgeschirmte Bereiche des Internets, die nur über besondere Netzwerke wie Tor erreichbar sind. Die Nutzung des Tor-Netzwerks und der Besuch von Onion-Diensten sind in Deutschland grundsätzlich nicht strafbar. Strafbar können allerdings die dort vorgenommenen Handlungen sein – etwa der Erwerb illegaler Waren, Computerbetrug, Datenhehlerei oder das Betreiben krimineller Handelsplattformen.

1. Was ist das Darknet?

Um das Darknet einzuordnen, ist zunächst zwischen Surface Web, Deep Web und Darknet zu unterscheiden.

  • Surface Web: frei zugängliche Webseiten, die typischerweise von Suchmaschinen indexiert werden.
  • Deep Web: Inhalte, die nicht frei über Suchmaschinen auffindbar sind, etwa Datenbanken, passwortgeschützte Bereiche, Cloud-Speicher, Intranets oder Inhalte hinter Login-Schranken.
  • Darknet: ein Teilbereich speziell abgeschirmter Netzwerke, der bewusst auf Anonymisierung und eingeschränkte Erreichbarkeit ausgerichtet ist.

Das Deep Web ist daher nicht mit dem Darknet gleichzusetzen. Ein persönliches E-Mail-Postfach, ein Online-Banking-Zugang oder ein internes Unternehmensportal gehören zwar zum nicht öffentlich indexierten Teil des Webs, sind aber noch kein Darknet.

Das bekannteste Anonymisierungsnetzwerk ist Tor. Darüber können sowohl gewöhnliche Webseiten im offenen Internet als auch sogenannte Onion-Dienste aufgerufen werden. Onion-Dienste verwenden spezielle .onion-Adressen und sind nur innerhalb des Tor-Netzwerks erreichbar.

2. Ist das Darknet illegal?

Nein. Weder die Nutzung von Tor noch der bloße Zugriff auf einen Onion-Dienst ist in Deutschland als solcher verboten. Entscheidend ist vielmehr, was ein Nutzer im Darknet tut.

Strafrechtlich gelten dort grundsätzlich dieselben Regeln wie im übrigen Internet. Wer beispielsweise Betäubungsmittel kauft, ausgespähte Zugangsdaten erwirbt, Schadsoftware vertreibt oder sich an Betrugsdelikten beteiligt, kann sich unabhängig davon strafbar machen, ob die Handlung über eine gewöhnliche Webseite, einen Messenger oder über einen Onion-Dienst erfolgt.

Für die strafrechtliche Praxis ist das Darknet deshalb weniger ein eigenständiger Rechtsraum als vielmehr eine technische Umgebung, in der bekannte Straftatbestände unter besonderen Ermittlungsbedingungen verwirklicht werden können.

Relevante Delikte können je nach Sachverhalt insbesondere sein:

  • Ausspähen und Abfangen von Daten (§§ 202a, 202b StGB),
  • Vorbereiten des Ausspähens und Abfangens von Daten (§ 202c StGB),
  • Datenhehlerei (§ 202d StGB),
  • Computerbetrug (§ 263a StGB),
  • Datenveränderung und Computersabotage (§§ 303a, 303b StGB),
  • Geldwäsche (§ 261 StGB),
  • das Betreiben krimineller Handelsplattformen im Internet (§ 127 StGB) sowie
  • je nach Handelsgegenstand weitere Spezialdelikte, insbesondere aus dem Betäubungsmittel-, Waffen- oder Arzneimittelstrafrecht.

3. Wie funktioniert Tor?

Tor steht historisch für The Onion Router. Das Grundprinzip des sogenannten Onion Routings wurde in den 1990er-Jahren am U.S. Naval Research Laboratory entwickelt. Ziel war es, Kommunikationsbeziehungen im Internet besser vor Beobachtung und Nachverfolgung zu schützen.

Tor leitet den Datenverkehr nicht unmittelbar vom Nutzer zum Zielserver. Stattdessen wird eine Verbindung über mehrere voneinander unabhängige Relays aufgebaut. Bei typischen Verbindungen in das offene Internet besteht der Pfad aus mehreren Tor-Knoten. Jeder Knoten kennt nur den jeweils vorherigen und nächsten Abschnitt der Verbindung – nicht aber den vollständigen Kommunikationsweg.

Die Bezeichnung „Onion Routing“ beschreibt das Prinzip der schichtweisen Verschlüsselung: Vergleichbar mit den Schalen einer Zwiebel wird für die einzelnen Stationen jeweils eine eigene kryptografische Schicht verwendet.

Entry-, Middle- und Exit-Relay

Beim Zugriff auf eine gewöhnliche Internetseite über Tor wird der Datenverkehr typischerweise über drei Relays geleitet:

  1. Das Entry- bzw. Guard-Relay kennt die IP-Adresse des Nutzers, nicht aber das endgültige Ziel.
  2. Das Middle-Relay vermittelt zwischen den übrigen Stationen.
  3. Das Exit-Relay stellt schließlich die Verbindung zum normalen Internet her und kennt das Ziel, grundsätzlich aber nicht die ursprüngliche IP-Adresse des Nutzers.

Wichtig ist deshalb: Das Exit-Relay kennt nicht die ursprüngliche Adresse des Nutzers. Genau dies wurde in älteren Darstellungen teilweise missverständlich beschrieben.

Onion-Dienste

Bei Onion-Diensten ist der Aufbau anders. Der Dienst selbst befindet sich ebenfalls hinter dem Tor-Netzwerk. Weder der Nutzer noch der Betreiber müssen dabei die IP-Adresse der jeweils anderen Seite kennen. Der Verbindungsaufbau erfolgt über sogenannte Introduction Points und einen Rendezvous Point. Der Verkehr zwischen Nutzer und Onion-Dienst bleibt dabei innerhalb des Tor-Netzwerks und ist Ende-zu-Ende verschlüsselt.

Die heute verwendeten Onion-Adressen der dritten Generation bestehen aus einer langen Zeichenfolge und enden auf .onion.

4. Bedeutet Tor vollständige Anonymität?

Tor ist ein starkes Werkzeug zum Schutz von Privatsphäre und zur Verschleierung der Herkunft einer Internetverbindung. Es garantiert allerdings keine absolute Anonymität.

Eine Identifizierung kann beispielsweise durch Fehler des Nutzers, kompromittierte Endgeräte, zusätzliche Identifikationsmerkmale, Login-Daten, Zahlungsinformationen oder forensische Ermittlungsmaßnahmen möglich werden. Auch Verkehrsanalysen und operative Ermittlungen können unter bestimmten Umständen Rückschlüsse auf Nutzer oder Betreiber ermöglichen.

Deshalb sollte präziser von einer Anonymisierungs- und Datenschutztechnik gesprochen werden – nicht von technisch garantierter Unsichtbarkeit.

5. Wofür wird das Darknet genutzt?

Die öffentliche Wahrnehmung des Darknets wird häufig von illegalen Handelsplattformen geprägt. Tatsächlich ermöglicht die zugrunde liegende Technik aber sowohl legitime als auch kriminelle Anwendungen.

Legitime Nutzung

Tor und Onion-Dienste können insbesondere für Personen bedeutsam sein, die Kommunikation vor Überwachung oder Zensur schützen müssen. Dazu gehören beispielsweise:

  • Journalisten und deren Quellen,
  • Whistleblower,
  • Menschenrechtsorganisationen,
  • Aktivisten und Oppositionelle in autoritären Staaten,
  • Forscher und IT-Sicherheitsexperten sowie
  • Nutzer, die ihre Privatsphäre gegenüber Webseitenbetreibern oder anderen Beobachtern verbessern möchten.

Auch etablierte Dienste haben oder hatten eigene Onion-Angebote. Im journalistischen Bereich werden Onion-Dienste etwa eingesetzt, um Hinweisgebern über Systeme wie SecureDrop eine geschütztere Kommunikation zu ermöglichen.

Kriminelle Nutzung und Underground Economy

Die gleichen Anonymisierungseigenschaften können zugleich für Straftaten missbraucht werden. Strafverfolgungsbehörden beobachten seit Jahren eine professionalisierte sogenannte Underground Economy. Dort werden je nach Plattform beispielsweise gestohlene Daten, Schadsoftware, Phishing-Dienstleistungen oder illegale Waren angeboten.

Das Bundeskriminalamt und internationale Partner gehen regelmäßig gegen entsprechende Infrastruktur vor. Die Abschaltung großer Marktplätze zeigt zugleich, dass Anonymisierung im Tor-Netzwerk eine Strafverfolgung zwar erschweren kann, aber keine Garantie gegen Identifizierung, Beschlagnahme oder strafrechtliche Verfolgung bietet.

6. Bitcoin, Kryptowährungen und das Darknet

Kryptowerte spielen im Umfeld digitaler Schwarzmärkte weiterhin eine Rolle. Die verbreitete Vorstellung, Bitcoin ermögliche vollständig anonyme Zahlungen, ist allerdings falsch.

Bitcoin basiert auf einer öffentlichen Blockchain. Transaktionen zwischen Bitcoin-Adressen werden dauerhaft in dieser Blockchain dokumentiert. Die Adressen enthalten zwar nicht unmittelbar den Namen ihres Inhabers, weshalb Bitcoin häufig als pseudonym beschrieben wird. Werden Adressen jedoch einer konkreten Person zugeordnet – etwa durch Daten einer Kryptobörse, Zahlungsflüsse oder sichergestellte Wallets –, können Transaktionsketten teilweise weit zurückverfolgt werden.

Gerade deshalb nutzen Strafverfolgungsbehörden inzwischen spezialisierte Blockchain-Analysen, um Zahlungsströme in Ermittlungsverfahren nachzuvollziehen.

Auch die alte Aussage, Kryptowährungen seien rechtlich kaum eingeordnet, ist heute überholt. In der Europäischen Union existiert mit der Markets in Crypto-Assets Regulation (MiCA) inzwischen ein umfassender Regulierungsrahmen für Kryptowerte und Kryptowerte-Dienstleister. Daneben bestehen insbesondere geldwäsche-, steuer- und aufsichtsrechtliche Vorgaben.

Die Verwendung von Bitcoin oder anderen Kryptowerten ist als solche selbstverständlich nicht strafbar. Strafrechtlich relevant wird sie erst, wenn Kryptowerte beispielsweise zur Begehung, Verschleierung oder Verwertung von Straftaten eingesetzt werden.

7. Wie ermitteln Strafverfolgungsbehörden im Darknet?

Ermittlungen im Darknet sind technisch anspruchsvoll, aber keineswegs ausgeschlossen. Klassische Ansätze wie die unmittelbare Identifizierung über eine IP-Adresse stehen häufig nicht zur Verfügung. Deshalb kombinieren Strafverfolgungsbehörden unterschiedliche Methoden.

Je nach Verfahren können hierzu beispielsweise gehören:

  • verdeckte Ermittlungen und Testkäufe,
  • Auswertung beschlagnahmter Server und Datenbanken,
  • internationale Rechtshilfe und koordinierte Ermittlungsmaßnahmen,
  • Blockchain-Analysen bei Kryptotransaktionen,
  • Auswertung von Kommunikations- und Versanddaten sowie
  • digitale Forensik an sichergestellten Geräten.

Gerade große internationale Verfahren zeigen, dass oftmals nicht ein einzelner technischer „Durchbruch“ entscheidend ist. Häufig ergibt sich die Identifizierung aus einer Kombination mehrerer digitaler und klassischer Ermittlungsansätze.

8. Darknet und Strafverteidigung

Strafverfahren mit Darknet-Bezug werfen regelmäßig besondere Fragen zur digitalen Beweisführung auf. Neben dem Tatvorwurf selbst kann entscheidend sein, wie ein Nutzerkonto, eine Wallet, eine Kommunikation oder eine konkrete Bestellung einer bestimmten Person zugeordnet wird.

Aus Verteidigungssicht sollte deshalb insbesondere geprüft werden:

  • Welche technischen Daten belegen tatsächlich die Identität des Beschuldigten?
  • Wie wurden Server-, Account- oder Kommunikationsdaten erhoben?
  • Ist die Beweiskette nachvollziehbar dokumentiert?
  • Welche Aussagekraft besitzen Wallet- und Blockchain-Zuordnungen?
  • Stammen Beweismittel aus internationalen Ermittlungen und unter welchen Voraussetzungen wurden sie gewonnen?
  • Welche weiteren Personen hatten Zugriff auf Geräte, Accounts oder Wallets?

Die bloße Feststellung, dass ein Account oder eine Kryptowährungsadresse mit einer strafbaren Handlung in Verbindung steht, beantwortet daher noch nicht automatisch die strafprozessual entscheidende Frage, wer die konkrete Handlung vorgenommen hat.

9. Häufige Fragen zum Darknet

Was ist der Unterschied zwischen Deep Web und Darknet?

Das Deep Web umfasst grundsätzlich alle nicht von gewöhnlichen Suchmaschinen indexierten Inhalte. Dazu gehören beispielsweise Datenbanken, Online-Banking oder geschützte Nutzerbereiche. Das Darknet ist dagegen ein spezieller Teil abgeschirmter Netzwerke, der bewusst nur über besondere Technik wie Tor erreichbar ist.

Ist der Tor-Browser illegal?

Nein. Die Nutzung des Tor-Browsers ist in Deutschland grundsätzlich legal. Strafbar können jedoch Handlungen sein, die ein Nutzer über Tor begeht.

Ist der Besuch des Darknets strafbar?

Der bloße Besuch eines Onion-Dienstes ist grundsätzlich nicht strafbar. Die rechtliche Bewertung richtet sich nach den konkret aufgerufenen Inhalten und insbesondere nach dem Verhalten des Nutzers.

Ist man im Darknet vollständig anonym?

Nein. Tor kann die Zuordnung einer Internetverbindung erheblich erschweren, garantiert aber keine vollständige Anonymität. Nutzerfehler, Zahlungsdaten, beschlagnahmte Systeme und weitere Ermittlungsansätze können eine Identifizierung ermöglichen.

Kann die Polizei Nutzer im Darknet ermitteln?

Ja. Die Strafverfolgung ist technisch anspruchsvoller, aber möglich. Behörden kombinieren unter anderem digitale Forensik, verdeckte Ermittlungen, internationale Zusammenarbeit und die Analyse von Kryptowährungstransaktionen.

Ist Bitcoin anonym?

Bitcoin ist nicht vollständig anonym. Die Blockchain ist öffentlich einsehbar. Adressen sind zunächst pseudonym, können aber unter bestimmten Voraussetzungen konkreten Personen zugeordnet werden.

10. Fazit

Das Darknet ist weder ein rechtsfreier Raum noch ausschließlich ein digitaler Schwarzmarkt. Die zugrunde liegende Anonymisierungstechnik ermöglicht legitime, teilweise gesellschaftlich besonders wichtige Anwendungen – etwa den Schutz journalistischer Quellen oder die Umgehung staatlicher Zensur. Dieselben technischen Eigenschaften können jedoch auch von Kriminellen genutzt werden.

Für das Strafrecht ist deshalb nicht die Nutzung des Darknets als solche entscheidend. Maßgeblich sind die konkrete Handlung, der jeweilige Straftatbestand und die Qualität der digitalen Beweise. Gerade die Zuordnung von Accounts, Geräten und Kryptowährungstransaktionen zu einer bestimmten Person kann in Ermittlungs- und Strafverfahren eine zentrale Rolle spielen.

Stand: September 2026. Der Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Quellen und weiterführende Hinweise

Veröffentlicht von Dr. Mathias Grzesiek in Darknet, Glossar